Durch Equisensomotoric® Training um 2 cm höher geworden
Foto: Dr. Adelheid Kienzl
Rumpf hebendes Training für Pferde
Erfolgreiches Rückentraining, kehrt Trageerschöpfung um, macht tragkräftig, richtet gerade, erhält gesund und kann sogar messbar sein, wie Kundin Frau Dr. Kienzl im Rahmen der jährlichen Gewichtskontrollen zufällig dokumentiert hat. Vom 17 jährigen Shetlandpony bis zum 22-jährigen Großpferd, waren alle ihre drei Pferde seit Trainingsbeginn Ende 2019 um 2 cm höher im Stockmaß geworden.
Erste Hilfe für einen abgesunkenen Rumpf – hier stelle ich dir 10 effektive Maßnahmen und Übungen gegen Trageerschöpfung beim Pferd vor!
- Stressreduktion & Ganzheitlicher Gesundheits-Check: Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Nicht selten kommt ein abgesunkener Rumpf oder fehlende Rückenmuskulatur aus einer Reihe anderer Faktoren, die dem Wohlbefinden und dem Muskelaufbau deines Pferdes entgegenstehen. Zu allererst würde ich dir empfehlen das Umfeld deines Pferds auf Stressfaktoren zu überprüfen. Diese können ein unliebsamer Boxennachbar sein, zu wenig Sozialkontakte, natürlich auch zu viele Sozialkontakte (24h Offenstall in unruhiger Gruppe) oder auch zu stressiges (ehrgeiziges) Training durch den Menschen.
- Hufwohlbefinden: Rücken- und Rumpf stabilisierende Muskulatur, wie die Serratus Muskulatur der thorakalen Schlinge, kann sich nur aufbauen, wenn dein Pferd bequem (also ohne Schmerzen, Hufrollensymptomatik oder drückende Eckstreben o.ä.) laufen kann. Daher prüfe oder lass dich von verschiedenen (es geht nichts über eine Drittmeinung 😉) Profis beraten, ob die Hufbearbeitung (ggf. auch der Winkel und Intervall vom Beschlag oder Bekleb) optimal ist.
- Heuqualität & Mineralisierung: In Bezug auf Hufwachstum und Muskelaufbau ist Mineralisierung sinnvoll. Ich habe Futtermittelkunde im Studienplan gehabt und bin daher mit mit vielen objektiven, wissenschaftlichen Studien in Kontakt gekommen, die eindeutig zeigen, wie stark die Artenvielfalt auf unseren Heuwiesen in den letzten 50 Jahren zurückgegangen ist. Besonders die mineralstoffreichen Kräuter sind heute in Wiesen deutlich weniger zu finden als früher, da viele Wiesen durch die Intensivierung der Landwirtschaft und durch Gras-Nachsaaten, die auf Kühe angepasst wurden, nur mehr wenige Arten aufweisen. Daher sind ausgewogene Mineralstoffmischungen (keine Einzelkomponenten füttern) in Absprache mit deinen TierärztInnen eine sinnvolle Sache. Achte dabei darauf, dass dein Mineralfutter aus gut verwertbaren, organischen Verbindungen (jene mit -at am Wortende wie Citat, Fumerat usw..) besteht. Anorganisch gebundene Nährstoffe (meist mit -it am Ende) werden großteils „unverwertet“ wieder ausgeschieden. Heu sollte natürlich schimmelfrei und von bester Qualität sein. Hier zu sparen, kommt durch die durch Schimmelsporen entstehenden Atemwegsprobleme später oft teuer (bis zur Unreitbarkeit). Lieber einen schimmligen Ballen entsorgen und Spätfolgen und Tierarztkosten (oder sogar chronische Dämpfigkeit) sparen. Wenn Heu reduziert angeboten wird (was prinzipiell gut ist), weil dein Heu einen zu hohen Zuckergehalt hat oder das Pferd sonst zu dick ist, ist darauf zu achten, dass dein Pferd genug Eiweiß für Muskelaufbau und Hufwachstum aus der täglichen Heuration erhält. Bist du diesbezüglich unsicher, lass von einer wissenschaftlichen Futterberatung eine Rationsberechnung erstellen und füttere ggf. Eiweiß z.b. in Form von Ölsaaten zu.
- Tiefschlaf: Bei optimaler Haltungsweise schalfen Pferde liegend 1-2 Stunden, wobei ihre REM Phase ca. 30 Minuten ausmacht. Diese Tiefschlafphasen sind besonders wichtig für die geistige und körperliche Regeneration. Pferde mit Schlafmangel (leider häufig zu finden bei unruhigen oder zu großen Offenstallhaltungen) sind entweder übermäßig schreckhaft, fahrig und nervös oder auch lethargisch, energielos und unkonzentriert. Tiefe Erholungsphasen sind für Muskelaufbau essentiell. Wenn du dir diesbezüglich nicht sicher bist, überprüfe ob dein Pferd täglich (! oder zumindest 5-6 Tage pro Woche) Einstreu am Bauch und auf der Backe kleben hat oder installiere ggf. eine Kamera in seiner Schlafstätte. Du möchtest dein Pferd täglich ganz flach liegend und entspannt – ohne Störfaktoren – schlafen sehen.
- Magengeschwüre: 40-60% der Freizeitpferde haben Magengeschwüre! Bei Pferden, die im Sport unter Stress Leistungen erbringen, wie z.b. bei Rennpferden, sind es sogar 90%! Magengeschwüre entstehen durch lange Fresspausen (mehr als 5 Stunden ohne Heu, was häufig bei Boxenhaltung zwischen 1 Uhr Nachts bis 6 Uhr Morgens der Fall ist) und Stress, der auch bereits länger zurückliegen kann (z.b. im Fohlenalter). Sie erzeugen beim Pferd eine verkrampfte Rückenhaltung und sind sehr schmerzhaft. Zusätzlich kann auch eine Schleimhautentzündung damit einhergehen, welche wiederum die Nährstoffaufnahme (z.b. der für Muskelaufbau notwendigen Nährstoffe und Eiweiße!) stark hemmt. Typische Symptome sind: zu dünne Pferde, aber auch zu dicke Pferde, fehlende Muskulatur häufiges Gähnen, Mundgeruch beim Pferd, krumme Haltung des Rückens, Schreckhaftigkeit, Phlegma (d.h. das Pferd wird als „faul“ bezeichnet), Gurtenzwang (also Herschnappen beim Anziehen des Sattelgurts) oder Schnappen wenn man die Brustmuskulatur berührt. Bei Verdacht empfehle ich euch sehr eine Magenspiegelung (Gastroskopie) machen zu lassen. Es ist nur ein kleiner Eingriff unter Sedation im Stehen (wie bei der jährlichen Zahnkorrektur) und verschafft Klarheit. Außerdem kann durch die Kamera das Ausmaß und die Art der Magengeschwüre bestimmt werden, wodurch eure TierärztInnen die wirkungsvollsten Medikamente wählen können. In meinem Kundenkreis habe ich Magenspiegelungen bei Verdacht auf Magengeschwüren schon häufig empfohlen und eine Medikamentenkur mit anschließender Haltungsoptimierung und Stressreduktion hat hier oft wahre Wunder auf Muskelaufbau und Wohlbefinden gewirkt.
- Sattel: Ich weiß, ein lästiges Thema, aber ich muss es sagen. Falls du dein Pferd aktuell reitest, muss der Sattel deinem Pferd wirklich optimal passen und eine 100% gleichmäßige Druckverteilung aufweisen. Alle Atrophien (z.b. bei Pferden mit abgesunkenem Rumpf häufig hinter dem Schulterblatt zu finden) sollten über die Sattelunterlage ausgeglichen werden. Werde hier mit deinen SattlerInnen kreativ und probier verschiedenes aus. Pferde lieben eine weiche, stoßdämpfende Unterlage wie zum Beispiel aus Memoryfoam. Viele einfache Schabracken aus Baumwolle bieten einem Pferderücken mit abgebauter Muskulatur viel zu wenig Stoßdämpfung. Ein Baumsattel bietet die beste Druckverteilung, doch bevor du einen Baum hast der nicht passt, ist häufig ein Baumloser Sattel mit einem dicken Pad eine gute Übergangslösung. Gerne kannst du dir dazu meinen kostenlosen Sattelkurs (keine Anmeldung oder Emailadresse erforderlich!) ansehen, indem ich alle meine Tipps für eine perfekte Druckverteilung anschaulich erkläre.
Erfolgreiches Rücken- und Rumpfhebertraining
durch geeignete Übungen mit der Rotationstheorie und regelmäßiges Training
7. Trainingsintervall: Gut und nun endlich zu dem was dich vermutlich am meisten interessiert. Wie sollst du dein Pferd trainieren, damit es endlich Rückenmuskulatur aufbaut! Zu allererst zum Intervall. Damit Muskelaufbau stattfinden kann, solltest du oder deine MitreiterInnen zumindest 3 Mal, besser 5 Mal pro Woche trainieren. Das Training muss dafür nicht lange sein, 20-25 Min. reichen häufig, wenn man die richtigen Übungen macht.
8. Weglassen von Schädlichem: Es klingt vielleicht komisch, aber wenn dein Pferd bereits einen hängenden Rücken mit abgesunkenem Brustkorb hat, dann musst du – zusätzlich zu gutem Training – auch alles weglassen, was diesen Zustand herbeigerufen hat oder verschlechtert. Dazu gehören:
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- Zu langes Reiten und Ausreiten: als Faustregel im Aufbautraining, wenn überhaupt, nicht länger als 25 Min. reiten
- Zu viel Reitergewicht: 15-20% des Eigengewichts ist hier die Faustregel, aber bei einem unterbemuskeltem Pferd eher weniger
- Zu schnelles Tempo: vor allem in Kurven (jeder noch so große Reitplatz besteht für das Pferd alle paar Sekunden aus einer „Kurve“!) wirken starke Fliehkräfte auf alle Dornfortsätze, Sehnen und Gelenke deines Pferds (Tierarzt Stefan Stammer hat die Kräfte die z.b. auf die Vorderhand wirken, mit fast einer Tonne Zugkraft berechnet!). Arbeitetest du dein Pferd in zu hohem Tempo, also schneller, als seine Muskulatur gegenhalten kann, wird es sich verspannen, statt Muskeln aufbauen
- Zu viel Abstellungswinkel und überbogener Hals, weil das die Wirbelsäule falsch rotieren lässt und so Muskelaufbau und Wohlbefinden entgegenwirkt
- Meide extreme Kopf-Hals-Haltungen. Lass dir nicht einreden, der Kopf oder Hals deines Pferds gehört besonders hoch oder besonders tief „eingestellt“. Extreme sind immer unnatürlich und verändern alle Winkel im Pferd negativ. Eine unspektakuläre Kopf-Halshöhe, weder mit sehr viel Aufrichtung noch mit sehr tiefer Haltung, die irgendwo auf Buggelenkshöhe oder leicht darüber liegt, ist meist ein physiologischer Anhaltspunkt. Bedenke jedoch, dass die Kopfhaltung nur anzeigt, was der Rücken kann (oder noch nicht kann). Einzig eine anerlernte, zu starke Beizäumung (hinter die Senkrechte geritten durch übermäßige Kandaren- oder Trenseneinwirkung) sollte korrigiert werden, da sie die Ohrspeicheldrüse quetscht und deinem Pferd weh tut – in diesem Fall bitte dein Pferd seine Ganasche zu öffnen, sodass die Nasenlinie in die Senkrechte oder leicht davor kommt.
- Meide es außerdem, wie Christin Krischke immer so schon sagt „in den Seilen zu hängen“. D.h. sitze nicht unnötig lange am stehenden Pferd, da hier keine Tragemuskulatur aktiv ist und du sonst das Nacken- und Rückenband (welches für das Pferdegewicht und nicht das Reitergewicht „gebaut ist) strapazierst. Steige daher einfach gleich ab, sobald das Training fertig ist oder wenn du dich mit jemandem unterhältst.
9. Optimale Tempowahl: Willst du dein Pferd kräftigen und Muskelmasse aufbauen, darfst du nicht zu schnell longieren oder reiten. Rumpf stabilisierende und Rumpf anhebende Muskulatur gehört zur Tiefenmuskulatur. Diese trainierst du eher in Balance und Zeitlupentempo, wobei das Tempo nur so langsam gewählt werden sollte, dass du die Schritte nicht stockig und abgehackt werden. Zu Beginn hilft es, das vom Pferd gewählt Normaltempo langsam zu verringern, bis man ein leichtes Schwanken wahrnimmt und dann dieses Schwanken mit den Hilfen abzufangen und zu verringern. Sehr ähnlich wie wenn du über eine Slackline balancierst und dabei mit jedem Tag weniger wackelst.
10. Geeignete Übungen: Und nun endlich zu den Übungen. Zum Aufbau von stabilisierender Rumpfmuskulatur (die deinem Pferd nicht nur fehlt, wenn es hypermobil ist, sonder übrigens auch, wenn es „steif“ wirkt!) eigenen sich alle Übungen im ruhigen Tempo, die eine leichte (wirklich ganz wenig) Biegung in der Mittelhand erzeugen. So wird dein gleichzeitig geradegerichtet und baut Muskelkraft auf. Ein In-der-Spur oder ein Schulter-vor (d.h. ein Mini-Schulterherein) ist oft eine gute Anfangsübung. Dabei ist der Abstellungswinkel möglichst gering zu halten, eben so viel bzw. so wenig, dass du etwas Biegung in der Gurtenlage erkennen kannst, der Hals aber keinesfalls stark nach innen gebogen ist. Wenn dein Pferd sich nämlich im Hals überbiegt, kippen seine Dornfortsätze in der Brustwirbelsäule nach außen. Das lässt seinen Rücken verspannen, statt Rückenmuskeln aufzubauen, und übt einseitige Zugkräfte auf seine Sehne und Gelenksflächen aus. Sollte dir die Rotationstheorie noch nicht untergekommen sein, kann ich dir meinen Basiskurs sowie meine Aufbaukurse sehr ans Herz legen. Dort erkläre ich die Rotationstheorie, und folgend auch Hilfengebungen dazu, ausführlich und anhand von ganz vielen Modellen und Videos zur Blickschule im Selbstlernkurs.
Ich hoffe dir mit diesen 10 Tipps und wertvolle Anhaltspunkte aus meiner Unterrichtspraxis geboten zu haben, welche Maßnahmen und Übungen du unternehmen kannst, um bei deinem Pferd Trageerschöpfung umzukehren und die Widerrist hebende Rückenmuskulatur aufzubauen!
Viel Freude mit deinem Pferd und Alles Gute!
Johanna

