10 Tipps wie dein Pferd reiten liebt

Alle meine Pferde lieben das Reiten 😇. Das ist kein Zufall und wer jetzt denkt, das läge ausschließlich an den Keksen, der schätzt Pferde falsch ein. Denn ja – Pferde lieben Kekse. Ohne Frage. Sie freuen sich darüber, sie merken sich sehr genau, wo es sie gibt, und sie können ausgesprochen charmant sein, wenn es um Futter geht. Aber: Sie sind in der Regel nicht bestechlich. Zumindest nicht nachhaltig. Man kann sie vielleicht für einen Moment locken oder zu einer Handlung bewegen, doch echte Motivation, echte Freude an der Arbeit und dieses freiwillige „Ich will das jetzt machen“ entsteht dadurch nicht.

Winke ich zum Beispiel gleichzeitig mit Keks und Fliegenhaube, wendet sich Serafin erst einmal demonstrativ ab und geht ein paar Schritte weg. Ganz klar: Der Keks ist verlockend, keine Frage. Aber die Fliegenhaube gewinnt in diesem Moment eindeutig die Oberhand. Fliegenhäubchen mag er nämlich nicht besonders gern aufgesetzt bekommen – zumindest nicht, wenn es hektisch, unklar oder unachtsam geschieht. Dann entscheidet er sehr deutlich, dass ihm das Gesamtpaket gerade nicht stimmig erscheint. Dieses kleine Alltagsbeispiel zeigt schon sehr viel: Pferde handeln nicht eindimensional. Sie wägen ab, sie verknüpfen Erfahrungen, sie haben Vorlieben, Abneigungen und sehr klare Meinungen. Und sie äußern diese – wenn man bereit ist, zuzuhören.

Wer jetzt denkt, das liege einfach nur am Charakter des jeweiligen Pferdes, der irrt ebenfalls. Natürlich gibt es unterschiedliche Typen. Es gibt Pferde, die von Natur aus eher leistungsbereit sind, die schneller in Aktivität gehen, die förmlich nach Aufgaben suchen und immer „mehr“ wollen. Aber Serafin ist – oder war – vom Charakter her eher das Gegenteil. Er ist von Natur aus ein absoluter Anstrengungsminimalist. Zu schlau fürs unnötige Schwitzen, würde ich sagen. Energie sparen ist seine Kernkompetenz 😊. Er überlegt sehr genau, wofür sich Einsatz lohnt – und wofür nicht.

Und trotzdem ist es mittlerweile so, dass er regelrecht auf die Arbeit besteht. Er fordert sein Training aktiv ein, bringt sich ein, strengt sich dabei sichtbar an und weicht mir kaum von der Seite, wenn ich ausnahmsweise einmal das Training ausfallen lassen möchte, sein Kollege zuvor aber geritten wurde 🥰. Dann steht er da, präsent, aufmerksam, mit dieser klaren Haltung von: „Und was ist mit mir? Wann komm ich dran?“ Das ist kein anerlernbares Verhalten, es ist das Ergebnis vieler kleiner, bewusster Entscheidungen und vieler Faktoren, die ich versucht habe, für ihn möglichst fein, fair und stimmig zu gestalten.

Was braucht es also, damit Pferde das Reiten genauso lieben wie wir? Was sorgt dafür, dass sie sich freiwillig einbringen, mitdenken, Verantwortung übernehmen und im besten Fall sogar darauf bestehen, arbeiten zu dürfen?
Hier sind meine 10 Tipps, wie Pferde das Reiten lieben lernen – basierend auf meinen Erfahrungen sowohl in der Ausbildung meiner eigenen Pferde als auch vieler Kundenpferde:

1. Geeignete Arbeitsatmosphäre
Wir müssen eine Umgebung schaffen, die Gelassenheit fördert, statt Stress aufzubauen. Lärm, Hektik, Zeitdruck oder innere Unruhe übertragen sich unmittelbar auf das Pferd. Pferde lesen uns permanent – unsere Atmung, unsere Körperspannung, unsere Stimmung. Lernen, Motivation und Freude entstehen nur dort, wo sich ein Lebewesen sicher fühlt und nicht ständig in Alarmbereitschaft ist.

2. Positives Mindset des Reiters
Unsere innere Haltung ist entscheidend. Begeisterung, Neugier und echtes Interesse an dem, was wir gerade üben, wirken ansteckend. Pferde spüren sehr genau, ob wir „müssen“ oder ob wir wirklich wollen. Wähle deshalb eine Reitweise, eine Übung oder einen Trainingsansatz, der dir selbst Freude macht – denn nur dann kannst du diese Freude auch ehrlich weitergeben.

3. Loslassen von übermäßigem Ehrgeiz
Übertriebener Leistungsanspruch und das Streben nach Anerkennung durch andere Menschen schaden der Beziehung zu deinem Pferd oft mehr, als sie nützen. Stell dir immer wieder vor, es wäre vielleicht das letzte Mal heute, dass du dein Pferd siehst. Wie würdest du diesen Moment dann gestalten? Begegne jeder gemeinsamen Minute mit tiefer Wertschätzung für dieses Lebewesen und für das Wunder des gemeinsamen Seins.

4. Verantwortungsvolle, erwachsene Einstellung
Auch – und gerade – in verpatzten Situationen müssen wir den Grund immer bei uns suchen. Das Pferd hat auf jeden Fall die richtige Antwort gegeben. Vielleicht nicht die gewünschte, aber immer die logischste aus seiner Perspektive. Diese Haltung nimmt Druck aus der Situation und schafft Raum für echtes Lernen auf beiden Seiten.

5. Klare, feine und gut getimte Hilfen
Unsere Hilfen müssen minimal, präzise und frei von Störfaktoren sein. Kein Schieben mit dem Sitz, kein Ziehen am inneren Zügel, kein unbewusstes Kicken mit den Hacken. Hier geht es um Körperbewusstsein, um feines Reitergefühl und um den Fokus auf Sitz- statt Zügelhilfen. Pferde mögen keine Manipulation – weder am Kopf noch an ihren Beinen. Klarheit und Fairness schaffen Vertrauen.

6. Biomechanisch sinnvoller Trainingsansatz
Man muss wissen, wie man die Schiefe des Pferdes korrigiert, wie man über Sitzhilfen ausgleichend wirkt und wie man gezielt die rumpfhebende Muskulatur aufbaut, die dem Reitergewicht entgegenarbeitet. Auch für die Tempowahl gibt es keine allgemeingültige Faustregel. Positiv ist jenes Tempo, in dem alle Gelenke im Fluss sind. Das ist bei jedem Pferd anders und verändert sich im Laufe der Ausbildung. Hier braucht es viel Gefühl – im Gesäß oder durch ein gutes, geschultes Auge von außen.

Ziel ist immer, dass sich das Pferd nach dem Reiten wohler fühlt als davor: selbstbewusster, kräftiger, gerader. Nicht müde, nicht verspannt, nicht mit Rückenschmerzen. Genau deshalb ist Muskelaufbau im Equisensomotoric Training, und damit einhergehend Verspannungsabbau, ein zentrales Ziel zur nachhaltigen Steigerung des Wohlbefindens.

7. Maßvolle Anforderungen
Im Training gilt: Weniger ist immer mehr. Qualität schlägt Quantität. Steigerungen sollten nur graduell erfolgen und immer in Abstimmung mit dem Pferd – nicht nach einem starren, menschlichen Plan.

8. Stabilität und Flexibilität im Umgang
Im Kontakt mit Lebewesen müssen wir stabil und gleichzeitig flexibel sein. Triff langfristige Entscheidungen im Trainingsansatz, aber passe dich kurzfristig an die Tagesform, den mentalen Zustand und die körperliche Verfassung deines Pferdes an. Sei bei Veränderungen ein ruhiger, geduldiger und verlässlicher Partner.

9. Perfekt passende Ausrüstung
Die Ausrüstung muss zu 100 % passen. Nichts darf drücken, scheuern oder unangenehm sein – weder am Kopfstück noch im Sattel- oder Gurtbereich. Wenn man echte Eigenmotivation erwartet, muss wirklich alles stimmen. Pferde sind hier – völlig zu Recht – äußerst sensibel und ehrlich.

10. Die Gesamtsituation muss stimmen
Haltung, Herdenstruktur, ausreichender REM-Schlaf, tierärztliche Versorgung, Zähne, Hufe, Verdauung – all das bildet die Grundlage. Ohne diese Basis ist Freude an der Arbeit kaum möglich, egal wie gut das Training gemeint ist.

Eine lange Liste? Vielleicht. Aber sie ist extrem lohnend – für Pferd und Mensch. Denn es ist ein zutiefst beglückendes Gefühl, ein Pferd zu reiten, das genauso viel Freude an der gemeinsamen Arbeit hat wie man selbst, das sich gesehen fühlt und sich freiwillig einbringt.

Serafin hilft mir mittlerweile sogar beim Satteln. Das war übrigens seine eigene Idee – vermutlich, damit es schneller geht. Er lief damals schon zum Zaun vor und stellte sich ganz selbstverständlich in Position, während ich gerade erst mit dem Sattel aus dem Stall kam. Ich musste ihm dann beibringen, noch kurz zu warten, weil ich mit dem Westernsattel sonst schlicht nicht mehr zwischen ihn und den Zaun gepasst hätte.
Ein kleines Detail – aber eines, das sehr schön zeigt, wie viel Motivation, Vertrauen und Eigeninitiative entstehen können, wenn man das Pferd wirklich in seinen Bedürfnissen wahrnimmt und ernst nimmt. ♥️🐴

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