Während die Zahl an bewussten ReiterInnen und AusbildnerInnen unterschiedlichster Reitweisen gottseidank stetig steigt, halten sich gewisse Dogmen in mancherorts leider immernoch. Angefangen vom ehrgeizigen Reitunterricht, der mit befehlsartigen Anweisungen zum „mitschwingenden“ Reitersitz führen soll, bis zu Irrtümern wie jenem, dass Pferde dann mit der Nase „gegen den Zügel gehen“, wenn man noch zu wenig kräftig vorne gezogen und hinten gedrückt hat. Solche vereinfachten Anweisungen oder Urteile an den Reiter und das Pferd vermitteln schnell Autorität (wer so selbstbewusst unterrichtet muss wissen wies geht..) oder auch quick fixes (mittels Reiterhand, strammem Zügel oder Gerte..), blenden jedoch die tatsächlichen Ursachen komplexer Bewegungs- und Kommunikationsprobleme aus, welche häufig aus Unwissen oder falsch verstandenen Ausbildungsansätze entstehen.
Zum Wohle des Pferdes reiten lehren und Pferde ausbilden meint als TrainerIn, den Reiter und das Pferd in seiner Gesamtheit zu sehen und danach zu handeln. Es bedeutet, sich von starren Lehrmeinungen zu lösen und stattdessen eine lebendige, situationsabhängige Betrachtungsweise einzunehmen. Also die Tagesverfassungen, Vorgeschichten, Körperproportionen, erworbenen Talente, Zusammenhänge einzelner Aspekte, ja sogar das Bewusstsein darüber, dass man einfach nicht alle Hintergründe kennen kann (keiner von uns hat den Röntgenblick und niemand hat leider die Weisheit mit dem Löffel gegessen..), sollten in jedem gesetzten Impuls mit einbezogen werden. Ein hoher Anspruch, möchte man vielleicht meinen – aber sollte dieser nicht überall gelten, wo man mit Lebewesen arbeitet, sie „besitzt“ und mit mindestens 55 in Schwung gebrachte Kilos aussitzt?
Gerade im Pferdetraining ist es essenziell, sich immer wieder bewusst zu machen, dass wir es mit einem Flucht- und Beutetier zu tun haben, dessen Überlebensstrategie auf feiner Wahrnehmung, schneller Reaktion und Bewegung beruht. Jede Form von Ausbildung und Umgang greift in dieses sensible System ein. Jede Hilfengebung im schlechtesten Fall ein Manipulieren am Körper, ein Verschieben der Gewichtsmäßigkeiten, ein Verschleißen von tragenden Strukturen und im besten Fall ein Verbesserung der Physis und Fitness. Umso größer ist unsere Verantwortung, Reize so zu setzen, dass sie Orientierung geben statt Verunsicherung zu erzeugen und möglichst zu langfristiger Gesundheit beitragen. Ausbildung darf nie „Durchsetzen“ der menschgedachten Idee sein, sondern sollte ein gemeinsamer Lernprozess bleiben, bei dem das Pferd verstanden hat, warum es etwas tut und nachspüren kann, dass es daraus mit mehr körperlichem und geistigem Wohlgefühl in den Stall zurück geht.
Aufgrund von Bewegungsmangel, der meist auch in der besten Trailhaltung – verglichen mit der Natur – herrscht, ist es in diesem Sinne auch unsere Aufgabe, Kraft und Balance beim eigenen Pferd auszubilden. Nur so stehen die Chancen gut, das schwankende Reitergewicht in allen Wendungen und Geschwindigkeiten optimal ausbalancieren oder, wenn es nicht geritten wird, bis ins hohe Alter fit bleiben. Vielleicht ist es gut, sich hier bewusst zu machen, dass es bei diesem Prozess um das geht, was man einmal mit Versammlung benannt hat – und eben nicht um Herausziehung oder Herausquetschung. Versammlung, sich sammeln, also sich zentrieren, um dann im Anschluss etwas Schönes von sich frei nach außen zu tragen.
Sich sammeln – etwas, das durch eine innere Haltung oder einen äußeren Impuls angeregt wird, in jedem Fall aber die Aufmerksamkeit konzentriert nach innen lenkt. Genau ausgewählte Übungen bewirken beim Pferd die Stärkung der rumpfnahen stabilisierenden Muskulatur statt übereilter, hebelnder oder lehnender Ausgleichsbewegungen, welche einen frühzeitigen Verschleiß der Knochen- und Gewebestrukturen nach sich ziehen. Diese Qualität von Bewegung entsteht nicht durch Eile, sondern durch Wiederholung, Pausen und das richtige Maß an Herausforderung.
Wie kann ich einem Pferd helfen, sich zu zentrieren? Wie kann ich Hilfengebung auch wirklich als eine Hilfe verstehen – eine wahre Unterstützung – und nicht als Anwendung von Zwang? Kann ich einen Fußgänger, der gerade gedankenvoll am Gehsteig steht, über die Straße „zwingen“? Ja, ich kann es probieren, aber ich kann je nach Persönlichkeit des Fußgängers damit rechnen, dass ich leichte bis heftige Widerstände ernten werde. Diese Widerstände auf eine Grenzüberschreitung äußern sich beim Pferd durch „Festmachen“ und sind eine Reaktion auf zwingende Hilfengebung.
„Fest machen“ kann aber auch ein ursprüngliches Fehlen von muskulärer Kraft bedeuten, wenn man sich vorstellt, wie schwer einem eine Person beim Überqueren der Straße im Arm liegen kann, der die nötige Kraft zum Laufen fehlt. Ähnlich versucht sich ein unzureichend ausgebildetes Reitpferd gegen die durch den Reiter erhöhten Fliehkräfte in der Kurve am Zügel auszubalancieren. In diesem Fall braucht es biomechanisch sinnvoll überlegte Hilfsimpulse des Menschen zur schrittweisen Versammlung und Rumpfstabilisation, um es langfristig gesund zu erhalten. Geduld ist hier kein nettes Zusatzattribut, sondern eine grundlegende Voraussetzung.
Diese hilfegebenden Impulse haben jedoch nichts mit Gegenzug am Zügel oder Pressdruck am Bein zu tun, sondern mit ganz feinen Balanceverschiebungen im Rahmen der situationsbezogenen Möglichkeiten des Pferdes. Im Sinne eines Körperdialogs: Probier es doch mal ein bisschen mehr so? – Und merkst du wieviel leichter wir jetzt die Kurve schaffen?
Begegne ich einem lebendigen Gewebe jedoch mit plötzlichem oder auch andauerndem, festen Druck, wird es sich schützen, verhärten und folglich in der Bewegung blockieren oder irgendwann gar nicht mehr reagieren. Gebe ich dem Pferd hingegen einen leicht ausführbaren Richtungsimpuls, der bei der kleinsten Initiative sogleich wieder aussetzt, wird es die Hilfe als echte Hilfestellung sehen und dankbar annehmen (vor allem wenn es für die muskuläre Mehranstrengung vielleicht auch noch ein Keks gibt!).
Sofern die vom Reiter vorgeschlagene Richtungsidee auch sinnvoll war, wird das Pferd schrittweise innere Stärke und Tragkraft ausbilden. Das ist nach einiger Zeit jenes Gefühl an der Wade oder an den Fingern der Zügelhand, bei dem sich das Pferd federleicht auf Gedanken in alle Richtungen bewegt, weil es innere Stabilität entwickelt hat. Dieses Gefühl lässt sich nicht erzwingen – es entsteht als Ergebnis von Klarheit, Timing und Respekt des Reiters vor den körperlichen Möglichkeiten des Pferdes.
Im Sinne der Ganzheitlichkeit einer pferdefreundlichen Ausbildung ist es logisch, dass diese innere muskuläre Stärke auch eng mit der „inneren Haltung“ des Pferdes – seinem Selbstbewusstsein – in Verbindung steht. Der Aufbau der einen Kraft stärkt auch die andere und vice versa. Ein Pferd, das sich körperlich sicher fühlt, wird sich auch mental freier bewegen, neue Aufgaben annehmen und Herausforderungen mit mehr Gelassenheit begegnen.
Alle vertrauensstärkenden Übungen und Impulse zur schrittweisen Versammlung sind daher in kleinen Schritten aufzubereiten, um möglichst viele Erfolgserlebnisse für das Pferd entstehen zu lassen. Erfolg bedeutet hier nicht Perfektion, sondern Verstehen. Lebendigkeit im Geist und in den Bewegungen bedingen sich gegenseitig, weshalb Mut und Eigeninitiative des Pferdes immer gefördert werden sollten, sofern sich daraus keine gefährlichen Situationen für den Menschen ergeben. Diese Eigeninitiative macht Pferde stolz und präsent und spiegelt sich augenblicklich in der Bewegungsqualität wider.
Das alles macht einen Trainingsansatz zum Wohle des Pferdes aus – individuell zugeschnittene Übungen und Interventionen, die das psychische ebenso wie das körperliche Pferdewohl ins Zentrum stellt. Die Reiterkompetenz besteht dabei nicht im „richtigen Durchsetzen“, sondern im Lesen des Pferdes: im Erkennen seiner Signale, seiner Grenzen und seiner Bereitschaft. Sie zeigt sich darin, zu wissen, welcher Impuls dem Pferd gerade weiterhilft und wie viel davon notwendig ist – und ebenso darin, rechtzeitig nichts zu tun und den eigenen Impuls zu analysieren oder sich entfalten zu lassen.
Dazu braucht es den ganzheitlichen Blick, Erfahrungswissen, Einfühlungsvermögen, das Wissen um biomechanische Zusammenhänge sowie die tiefe Überzeugung, dass das Pferd in jeder Situation angemessen reagiert. Und dass es letztlich immer an uns liegt, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Lernen möglich wird, Gesundheit erhalten bleibt und das Pferd Vertrauen in den gemeinsamen Weg entwickeln kann.
Fazit
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Pferdetraining zum Wohle des Pferdes erfordert das Loslassen starrer Dogmen und ein individuelles, situationsbezogenes Denken.
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ReiterIn und Pferd sind als Einheit zu betrachten, deren körperliche, mentale und emotionale Voraussetzungen stets mitgedacht werden müssen.
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Ziel der Ausbildung ist nicht Kontrolle oder Zwang, sondern innere Balance, Rumpfstabilität, Tragkraft und langfristige Gesunderhaltung die sich in geschmeidigen, unspektakulären Bewegungen zeigt.
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Versammlung bedeutet Zentrierung und innere muskuläre Stärke – kein übermäßig abgekipptes Becken oder beigezäumtes Genick, kein Ziehen, Drücken oder Herausquetschen.
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Hilfengebung ist dann pferdefreundlich, wenn sie unterstützend und fein dosiert ist, und keinen manipulativen Charakter hat.
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Widerstände und Steifheit des Pferdes sind Warnsignale, keine Fehlverhalten, und weisen auf Überforderung, fehlende Kraft oder Missverständnisse hin.
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Biomechanisch sinnvolle, wohl überlegte Übungen (mit Singvogeldruck) fördern sowohl körperliche Stabilität als auch Selbstbewusstsein.
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Vertrauen, Eigeninitiative und positive Lernerfahrungen sind zentrale Bausteine für fließende, gesunde Bewegungsabläufe.
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Reiterkompetenz zeigt sich im Lesen des Pferdes, im richtigen Timing und in der Verantwortung für dessen Wohlbefinden.
Johanna Thanheiser

